Texte - Reportagen - Kurzgeschichten


geschrieben für OroPax Nr. Null / Juli 2005


Braunschweiger Szenegeschichte(n) (Einleitung):
Gemischte Gefühle

Braunschweig ist weder ganz Provinz noch Großstadt - und hat doch von beidem etwas. Frühjahr 2005: jeden Abend ein, zwei oder mehr Rock / Punk / Indie - Konzerte, eine ganze Reihe netter Veranstaltungslocations - viele Leute, die sich zusammenschließen und Initiativen entwickeln ...

Das war nicht immer so, es gab seit den ersten Anfängen von Punk-Underground in BS Ende der 70er auch Phasen tödlicher Öde - und immer wieder Anläufe und Kämpfe, die Öde und Ohnmacht zu durchbrechen. Diese waren jeweils natürlich von überregionalen Trends beeinflusst, einiges konnte aber auch nur in Braunschweig so und nicht anders passieren.

Braunschweig - eine Stadt, die zwar traditionell der Kultur und Wissenschaft zugewandt ist, in der provinzielles und kleinkariertes Denken aber auch sehr hartnäckig sein kann. Die brillianten Köpfe und Talente wandern zu 80% in spannendere Städte (Berlin, Hamburg ...) ab. Uni, HBK und FH ziehen immer wieder viele nette Menschen nach BS - und einige schlagen dann auch hier Wurzeln. Neben Studis und Eingeborenen bevölkern Leute aus dem näheren Umland die BS Subkultur. Fast wie überall. Bis 1990 war BS vielen Auswärtigen eher als Trampstelle nach Berlin bekannt, Zonengrenzgebiet, Aufmarschgebiet für NATO-Herbstmanöver.

Die 1968-er Bewegung schlug in BS nicht so hohe Wogen wie anderswo, aber einiges passierte doch. Die "50-Hour-Session" - das erste Festival! Schlosspark-Konzerte ... Zusammen mit vielen Hippie-Teenies bestaunte ich THE CAN und FLOH DE COLOGNE mit einer antikapitalistische Rockoper "Der Kapitalismus stinkt ..." In anderen Städten entstanden in dieser Zeit die ersten Jugendzentren, selbstverwaltete Jugendzentren, konzipiert als subversiver Ort von Kommunikation, Selbsterfahrung, Jugendarbeit und Kulturveranstaltungen gegen das kapitalistische System. In dieser Zeit entstand das z.B UJZ Kornstrasse in Hannover. 1976 bzw. 1977 gründeten dann einige Aktivisten und aktivistiinen Salzgitter das Wilde Huhn und in Braunschweig die Bambule. Hier spielte bald darauf mehrmals eine junge Hamburger Punkband namens Slime. Daneben "Hippie"-Gruppen wie GeierSturzflug (heute überall bekannt mit "Wir steigern das Bruttosozialprodukt") und Brühwarm (Die wichtigste Gesang / Revue Band der Schwulen-Emanzipationsbewegung u.a. mit Corny Littmann, heute Chef des HH St.Pauli Theaters und Präsident des FC ST.Pauli, und Lilo Wanders).
Einige anpolitisierte Punks veranstalteten einen wöchentlichen Punkabend und gelegentliche Konzerte. Es kam aber auch immer wieder zu vehementen Konflikten mit den "Hippies", d.h. dem Kern des Bambule-Kollektivs. Ein Konfliktstoff war das Bemalen und Bekritzeln der Wände. Die Punks zogen bald darauf doch lieber wieder nur ins nahegelegene Treibhaus. Nach einigen Jahren juristischen Streits musste 1982 die Bambule, eine gemietetes Privathaus, ehemalige Post an der Helmstedterstrasse, geräumt werden. Einen Ersatz gab es nicht, für grössere gemeinsame Initiativen war die Szene zu schwach und zerstritten. In Berlin und in anderen Städten gab es seit 1980 immer mehr Hausbesetzungen gegen Wohungsnot, unsinnige Abriss alter Bausubstanz und einfach um Räume selbst gestalten zu können. Je nach politischer Lage ( Landesregierung und Stadtverwaltung) hatten sie unterschiedlich grosse Chancen auf längeres Drinbleiben oder gar einen, häufig politisch sehr umstrittenen, Nutzungsvertrag. Dabei war das Vorgehen der Staatsmacht bei Demos und Räumungen oft brutal und die Stimmung der Hausbesetzer und Demonstranten teilweise militant.
Einige wurden unter hahnebüchenen Anschuldigungen längere Zeit eingeknastet. Des weiteren wurde die Atmosphäre angeheizt vom NATO Nachrüstungsbeschluss, AKW und Flughafen-Bauten. Militante Demos, Aktionen der RAF und anderer Untergrundgruppen und ein Hungerstreik von Gefangenen hielten die Polizei auf Trab. "No Future" wurde dabei in verschiedenen Kreisen durchaus unterschiedlich empfunden: Rumsumpfen bis zum Abwinken, - oder doch für "die Revolution" kämpfen, wie auch immer. Die Bewegung entwickelte streckenweise durch kleinere "Siege", hingezurrte Theorien und den Bezug auf verschieden andere soziale und politische Bewegungen eine Dynamik, die viele tatsächlich auf einen entscheidenden Durchbruch gegen das kapitalistische System innerhalb eines Zeitraums von wenigen Jahren hoffen ließ.

Jaja, die 80-er, heute trendy nostlagisch ausgeschlachtet, aber was war wirklich? Keine Computer, kein Internet, viele Wohnungen noch ohne Zentralheizung. Die Ära Kohl / Reagan - an Feindbildern mangelte es nicht. Große Geschichte soll aber hier nicht geschrieben werden. Es geht mir darum, einige der kleinen Geschichten und Anekdoten der braunschweiger Szenegeschichte vor dem völligen Vergessen-Werden zu bewahren. Wer schreibt diese Geschichten auf wenn nicht die Szene selbst?
1984 hatte die Punk- und Politszene einen neuen Treffpunkt: das von einer autonomen Erwerbslosen-Initiative besetzte Haus in der Wolfenbüttlerstr. 14. Dort wurden in der Beschaulichkeit eines größeren Wohnzimmers grandiose Konzerte der zweiten Punkgeneration organisiert. Drei Jahre später besetzten einige Dutzend Leute das ehemalige "Konzerthaus" in der Böcklerstraße - und bekamen nach einiger Zeit sogar einen Nutzungsvertrag über drei Jahre. Das undergroundige Reality-Life der Bewohnerinnen und Bewohner wäre allein Stoff genug für ein Buch. Da gab es nicht nur politsche Richtungskämpfe zwischen den verschiedenen Etagen, Polizeirazzien wegen angeblich geklauter Einkaufswagen, Dauerstreß mit einem rechten Nachbarn, Räumungsdrohungen. Es wurde auch viel gefeiert, der ehemalige Konzertsaal wurde für Punk-Konzerte wieder seinem Zweck zugeführt. 1988 wurde das Erwerbslosenzentrum in der Wolfenbüttlerstr.14 geräumt - und sofort abgerissen. Auf dem Abriss-Schutt stehend versprach der damalige Oberbürgermeister Glogowski der Szene ein neues Erwerbslosenzentrum - und hatte diese Versprechen offensichtlich am nächsten Tag wieder vergessen.
1990 wurde das Konzerthaus Böcklerstraße geräumt - die verschiedenen politischen und kulturellen Gruppen machten an verschiedenen neuen Punkten und Projekten weiter. Und einige der ehemaligen Bewohner und Bewohnerinnen waren auch schwer zerstritten, menschliche Konflikte zwischen schmutziger Wäsche und sauberen Theorien. Die Nächte verbrachten viele derweil im Coca, was später Line und noch später Brain hieß ...

Viele der "Rock'n Roll Genossen" (Songtitel von RubberSlime) der ersten Stunde leben nach wie vor in Braunschweig. Ihnen soll diese Rubrik gewidmet sein. In einer lockeren Folge möchte ich die Kids von damals interviewen. Mal sehen, was sich daraus ergibt.